Heimat Ruhrgebiet

Zeche, Kokerei, Hütte

Das Interesse an Bergwerken, Hütten und Kokereien stammt wohl aus meiner Kindheit. Mein Vater hat auf dem Hüttenwerk Oberhausen, später TNO, fast 45 Jahre im Walzwerk gearbeitet und mein Großvater malochte auf der Kokerei Emil-Emscher in Essen-Altenessen als Umsteller.

Solange ich denken kann stand die Hütte in Oberhausen und als Kind hätte ich mir nie träumen lassen, daß dieses majestätische, gewaltige Werk eines Tages nicht mehr da sein könnte. Ich erinnere mich noch genau, wie mich nachts allerlei Geräusche vom Werk in den Schlaf begleiteten. Das Tuten der Signale und Pfeifen der Werksbahn sowie das permanente Rauschen der Hütte selbst. Von der Frintroper Höhe blickte man direkt auf das Hüttenwerk und man sah die Löschwolke der Kokerei Osterfeld.







Wenn schön Wetter war und mein Vater frei hatte, ging er mit mir zum Rhein-Herne Kanal spazieren oder auch zur Hütte. Dann erklärte er mir, in welcher Halle er arbeitete und was da so alles fabriziert wurde. Man sah nicht viel, aber die Eindrücke waren dennoch für mich als Kind überwältigend. All diese Rauch- und Dampffahnen. Und nicht zu vergessen der feuerrote Himmel bei den nächtlichen Abstichen, als würde sich die Hütte jeden Abend ihren eigenen Sonnenuntergang zaubern. Nun - es war einmal....

Da es mir vergönnt blieb, auf einer Hütte tätig zu sein, beschäftige ich mich heute als Hobby mit dieser Materie. Ich hatte schon öfters das Vergnügen Hüttenwerke zu besichtigen, so HKM, Stahlwerke Bremen, Ispat SRG und natürlich ThyssenKrupp Stahl in Duisburg. Und ich muß gestehen, auch wenn ich mich schon viele Jahre mit dieser Thematik beschäftige, hat das Montanwesen bis heute nicht an Reiz und Atmosphäre eingebüßt.







Eine besondere Faszination geht für mich von Kokereien aus. Jedoch - ich kann nicht sagen warum. Vielleicht liegt es daran, daß keine andere Industrie so viele Sinneseindrücke auf einmal vermittelt. Hitze, Feuer, die Geräuschkulisse, der Geruch von Steinkohlenteer (nicht zu verwechseln mit der müffelnden "Bitumenpampe" aus dem Straßenbau), die gewaltigen Dimensionen. Da kommt Frau mächtig ins Schwärmen 😍

Ein Artikel aus der Zeitschift "CarboMagazin" aus dem Jahre 1996 verdeutlicht es wunderbar. Daher möchte ich diesen Kurztext hier wiedergeben:

Artikel


Meine Erinnerungen an das feuerrote Licht am Oberhausener Himmel

Am Freitag, dem 11. Juli 1980, so gegen 13.00 Uhr, war ich auf dem Weg von meiner Dienststelle nach Hause. Ich befand mich auf der Schillerstraße, als ich plötzlich durch eine Detonation erschreckt wurde. Obwohl ich wußte, daß die Sprengung des Hochofens bevorstand, war ich überrascht. Mit Blick in eine Seitenstraße, von wo aus ich den Hochofen erblicken konnte, mußte ich wehmütig zusehen, wie nur noch der traurige Rest des Hochofens in einer Staubwolke in sich zusammenfiel. In diesem Moment dachte ich an den 8. Dezember 1959, als dieser Gigant angeblasen wurde. Es war eine feierliche Zeremonie, zu der viele prominente Gäste eingeladen waren. Die Geburtsstunde des Hochofens war mit viel Hoffnung verknüpft. So berichtete die nächste Samstagszeitung ausführlich über diese Feierstunde. Man versprach sich allgemein mit diesem "Riesen" eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage Oberhausens. In einer Ansprache nannte der damalige GHH-Generaldirektor Dr. Hermann Reusch den Hochofen das Phänomen von Oberhausen und wünschte allen, daß dieses Werk uns noch lange Jahre erhalten bleiben solle. Selbst im Reiseführer wurde es mit einem Stern ausgezeichnet. Diese imposante Industriekulisse an der Essener Straße mit dem roten Feuerschein am Oberhausener Himmel wurde für manchen Film mit Erfolg verwendet. Er erinnerte mich an frühere Erlebnisse, bei denen ich ähnliches Licht am Firmament sehen konnte. So wurde den Kindern in Oberhausen zur Adventszeit erzählt, daß der Himmel so rot scheine, weil das Christkind dort Plätzchen backt. Ganz unrealistisch war das natürlich nicht, denn die Arbeitsplätze, die die Stahlindustrie damals geschaffen hatte, verbesserte die Lebensqualität der arbeitenden Menschen in Oberhausen. Somit war das rote Licht am Himmel Zeichen und Ausdruck von Arbeitskraft und Fleiß. Eine weitere Episode erlebte ich, als meine Eltern im November 1929 für Ihre Silberne Hochzeit Vorbereitungen trafen. Da erkrankte ich plötzlich an einer lebensgefährlichen Lungenentzündung. Da das Fieber sehr hoch war, wurde ich aus meinem ungeheizten Zimmer in die Küche umquartiert. Das Küchensofa war nun mein Bett. Von dort aus hatte ich durch das Fenster einen Blick auf den roten Himmel. Die erste Nacht schlich vorüber, der Tag brach herein. Am späten Nachmittag besuchte mich unser Hausarzt. Er verschrieb mir Tabletten und kalte Wadenwickel, um das Fieber zu senken. Meine Mutter zog die Vorhänge zu. Die Küche war nun dunkel. Nur ein schmaler Lichtschein fiel ins Zimmer, welcher von der Herdplatte an die Decke reflektiert wurde. Meine Mutter wechselte mir mehrfach die Wadenwickel. Mitten in der Nacht kam nicht meine Mutter, sondern mein Bruder, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und um den kühlenden Umschlag zu erneuern. Ich bat ihn, die Vorhänge am Fenster beiseite zu schieben. Nun konnte ich wieder ein rotes Licht, durch die Wolken schimmernd, am Nachthimmel schauen. Das Zimmer wurde etwas heller, und meine Angst ließ auf einmal nach. Der Arzt kam nun jeden Tag, denn das Penicillin wurde erst in dieser Zeit entdeckt. Meine Krankheit zog sich in die Länge. Durch das hohe Fieber konnte ich nachts kaum schlafen. In diesen langen Nächten beobachtete ich den Himmel, und dabei fiel mir auf, daß, wenn der Morgen dämmerte, das Rot am Himmel immer blasser wurde. Endlich - am heiligen Abend - durfte ich das erste Mal wieder aufstehen. Der Weihnachtsbaum war schon festlich geschmückt, und zu meiner großen Freude standen für mich zwei lackierte Holzpferde mit einem Leiterwagen darunter. Ich werde diesen Augenblick, den Christbaum mit den brennenden Kerzen vor dem Fenster nie vergessen, denn im Hintergrund sah ich durch diese wieder den roten Himmel. WS




© Michaela Barz-Berg

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  • sowie ein Artikel in "industrie-kultur", Denkmalpflege, Landschaft, Sozial-, Umwelt- und Technikgeschichte.
    Zeitschrift des Rheinischen und des Westfälischen Industriemuseums.
    ISSN 0949-3751
    17. Heft, Ausgabe 4/2001.



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Michaela Barz-Berg, 05.2002 - 2020